12. Türchen - Donnerstag, 12.12.2019

Heute persönlich... Samuel, ein Straßenhändler

Wie jeden Morgen mache ich mich auf den Weg zur Arbeit, kenne die Plätze und Straßen hier in Betlehem wie meine Westentasche. Während ich noch meine Tische aufbaue, warten ein paar meiner Stammgäste schon gespannt darauf, welche Waren ich heute präsentieren werde.

Unter den Wartenden sind auch viele Unbekannte. In den letzten Tagen ist hier viel mehr los als sonst. Das bunte Treiben hat der Kaiser zu verantworten, er will, dass sich alle Menschen aus dem Umland in Listen eintragen.

Für mich ist der Menschenauflauf hier von Vorteil. So viel Geld auf einmal habe ich noch nie verdient. Einige der Fremden haben kaum Geld dabei. Neulich war ein junges Paar an meinem Stand, die Frau war hochschwanger. Mein Standnachbar hat sie als Schnorrer bezeichnet, wollte ihnen nicht mal einen Bissen Brot vom letzten Montag spendieren. Das kann doch nicht sein, habe ich mir gedacht, und schnell einen Beutel mit Obst für sie gepackt und noch eine kleine Decke mitgegeben für das bald Neugeborene. Mein Nachbar fand das gar nicht gut. Keiner wird mehr etwas kaufen, wenn ich meine Ware verschenke, meint er. Haltet mich für gutgläubig, aber ich glaube, dass diese beiden auch mir helfen werden, wenn es mir einmal nicht gut geht. Vielleicht eher, als ich ahne.

Text: Ann-Kathrin Hoffmann, Jahrgang 1987, Gemeindereferentin, Wietmarschen

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